Mit der ganz grossen Kelle

April 3, 2018

Die aktuelle Hinwendung zu mehr „Wirtschaftsnähe“ treibt im Bereich der Arbeitsintegration oft seltsame Blüten.

Ein Beispiel dafür ist eine stolze Beilage zum Wirtschaftsmagazin Leader, die eben auf meinen Schreibtisch geflattert ist. Das Cover der Hochglanzpublikation wird von einer wunderschönen Betonwand geziert, darauf der Firmenname und das Logo Buecherwäldli. Hinter dem etwas behäbigen Namen verbirgt sich eine rührige Institution für Arbeitsintegration für Behinderte aus der Ostschweiz.

Wer als Unternehmer oder Verantwortlicher eines Industriebetriebs durch die zwanzigseitige Hochglanzbeilage zum Unternehmermagazin Ostschweiz blättert, schluckt oft leer. Da wird mit der ganz grossen Kelle angerührt. Die Heilpädagogische Vereinigung Gossau-Untertoggenburg-Will (HPV), zu der das Buecherwäldli gehört, präsentiert da stolz ihren Neubau für die Werkstätten.  Als Architekt zeichnet niemand geringerer als Ralph Bänziger Architekten, ein Zürcher Büro, das unter anderem bekannt wurde mit dem  Mega Projekt Eurogate in Zürich.

Der Leserin wird sofort klar; hier geht es um Akquise und Kundenbindung für die Behindertenwerkstätte. Aber während die potentiellen Kunden, also die Industrie der Region, in den letzten Jahren den Gürtel mehrmals enger schnallen musste und mehr als eine schmerzhafte Sparrunde hinter sich hat, badet das Buechenwäldli offenbar im Geld. Die Maschinen sind vom Feinsten, die Werkhallen ein Traum.

Darum lösen die Bilder beim potentiellen Auftraggeber für die geschützte Werkstatt nicht nur Freude aus, sondern sie wirken unfreiwillig abschreckend. Sie sind kein Zeichen für eine unternehmerischere Ausrichtung von Arbeitsintegration, sie stehen eher für eine Protzigkeit, die keine neuen Partnerschaften bringt. Vor dem Hintergrund dieser Selbstdarstellung wirken „wirtschaftsnah“ gemeinte Aussagen von Führungspersonen sogar unfreiwillig komisch. Wenn also ein Werkstattleiter in einer derartigen Hochglanzbroschüre verkündet, dass er sich auch in der „freien Marktwirtschaft“ befinde, und sich „im Wettbewerb mit anderen Firmen mit Angestellten ohne Beeinträchtigung behaupten“ müsse, dann ist es möglich, dass ein Unternehmer, der dies liest, kurz auf die Webseite des Buecherwäldli googelt und dort im Jahresbericht sieht, dass das vermeintlich freie Wirtschaften dieser Institution jährlich mit über 20 Millionen Franken subventioniert wird. Man kann verstehen, dass die Wirtschaft solche „Sozialunternehmen“ ungern ernst nimmt.

 

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